Die Inflation der grossen Worte

Homo Mysticus

Die Inflation der grossen Worte

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Januar 08, 2020

Wie Werbung unseren Sinn für Bedeutung abstumpft

Ich liebe die deutsche Sprache. Nicht etwa, weil es die Schönste ist, sondern ihrer Vertrautheit wegen. Kann ich Gefühle und Eindrücke nicht in treffende Worte fassen, so finde ich sprachliche Kreationen oder Metaphern, die meinem Bedürfnis gerecht werden, im besten Falle Brücken zu bauen zwischen Innen und Aussen, zwischen mir und einem Du.

Sätze als Hindernis

In der Anhäufung weniger Buchstaben und Emojis des digitalen Informationsaustausches, wird ein bewusst formulierter Satz mit korrekter Orthografie zum Hindernis für den Leser, der ansonsten mit Lesen eh nicht viel anfangen kann.

Ich gebe zu, dass die Emojis eine weiterentwickelte Form kurz gefasster Ausdrücke von Emotionen sind, die durch ihre Komplexität bestechen. Ihre Vorläufer waren diesbezüglich fantasielose Geräusche ohne Klang: man denke da an Grrrrrs…, Uffs, Hahahas, Urks und Murcks aus den Comics. Da ist die Auswahlmöglichkeit an Smileys, Geister, Totenköpfen, Herzen, Sternen und Glimmer schon einen Entwicklungsschritt weiter.

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Neuerdings kommen noch unzählige Varianten von Einhörnern dazu. Ich habe zwar nicht verstanden, zu welcher Aussage sie gehören, aber vielleicht geht es in die Richtung: Was unsagbar ist, soll im Schweigen verborgen bleiben.

Na ja, vielleicht versteige ich mich da in philosophische Sphären, die nichts mit Emojis zu tun haben. Einhörner könnten ja durchaus ganz einfach als magisches Bling-Bling für ewige Prinzessinnen (oder Prinzen) stehen.
Aber eigentlich wollte ich über das Gegenteil schreiben; über die unselige Inflation der grossen Worte.

Grosse Worte

Da ich während der Weihnachtstage nicht gerne verreise, nehme ich mir für alltägliche Dinge mehr Zeit als üblich.
Also faltete ich, während ich sinnierend am Küchentisch sass, eine kleine Kartonverpackung auseinander und begann den gedruckten Text zu lesen. Hier eine kleine Probe aus verschiedenen Sätzen:

„In Entspannung baden, seinen Sinnen Freiheit und Leichtigkeit gönnen, in der Ruhe und friedlich-glückseliger Harmonie. Unglaublich, wundervoll, magisch.

Unsere Philosophie, wahrhaft und authentisch zu sein…“

Das sind starke Worte, voller Tiefe und grosser Bilder. Sie klingen wie ein ferner, verheissungsvoller Ort.

Es handelte sich um den Text auf der Verpackung eines Entspannungstees mit Namen Relax.
Inhalt: Kamillenblüten und Fenchelsamen.

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Die Kamille, die an einfachen Wegrändern in der Wiese oder im Felde steht, würde sich wundern über diese Attribute. Der Fenchel würde eh nichts verstehen und kapierte nicht, dass von ihm die Rede ist; viel zu sehr konzentriert er seine Stärke nach Innen.

Ach Kamille, du bescheidenes heilsames Pflänzchen, würde sich die Welt dir mit offenen, staunenden Augen zuwenden, deinen unverwechselbaren Duft einatmend, es bräuchte keine grossen Worte mehr. Das Wunder des Wachsens und Gedeihens würde genügen, im Moment des Hier und Jetzt, am Wegrand oder im Geniessen des Tees.

Staubsauger und Bankkonto

Um dies bewusst wahrnehmen zu können, brauche ich aber einen automatischen Staubsauger, “Damit Sie mehr Zeit haben für das Wesentliche” (Werbespruch). Damit ich mir einen solchen Staubsauger leisten kann, brauche ich ein Bankkonto auf einer Bank: “Wir stehen für wahre Werte” (Werbespruch). Dann wäre ich endlich authentisch, aber leider nicht nachhaltig. Mit etwas Achtsamkeit könnte ich auch das verbessern. Wenn mir das doch nicht gelingen würde, käme ich auf den Relax-Tee zurück und würde meinen Sinnen Freiheit und Leichtigkeit gönnen.

Die grossen Worte werden berechnend für alles verwendet, was gut verkauft werden will oder dem eigenen Ansehen den markttauglichen Anstrich geben soll.

Indem wir grosse Worte für Dinge verwenden, spannen wir edle Pferde vor den Pflug, der unsere Erde aufbricht, aber wir sind nicht mutig genug, das zu säen, was uns nährt, wir pflegen nicht, was uns am Leben erhält und wundern uns, dass die innere Leere und der Hunger nach Wesentlichem ungestillt bleiben.

Da hilft auch kein friedlich-glückseliger Harmonie-Kamillentee, kein wesentlicher Staubsauger und kein wahr-wertiges Bankkonto.

Vorbild Natur

Vielleicht aber ist ein Spaziergang heilend, mit offenem Blick für die Natur; ihre Farben, Formen und Düften. Die Farben sind nicht immer bunt, die Formen nicht immer ästhetisch, der Duft manchmal faulig oder gar stinkig. Und sogar mitten in der Stadt, zwischen allen grossen Worten, die inflationär von Plakaten und Schriften auf uns niederschwingen, ist es möglich eine kleine Welt der bescheidenen Magie zu erleben, im Blickkontakt mit einem Menschen, der ähnlich der kleinen Kamille, ganz normal am Wegrand steht.

Pflanzen brauchen keine grossen Worte, denn sie sind wie sind, unabhängig unserer Bewertung.
Wer für die Erfahrung der Natur dennoch grosse Worte braucht, sagt mehr über sich selber aus: über seine Fähigkeit des Staunens, des Ergriffenseins und über seine innere Verbundenheit als Teil der Natur.
„Ich sehe die wunderbare Magie der Kamille und geniesse ihre Heilkraft.“
Diese Magie lässt sich nicht verkaufen, denn sie ensteht erst durch mein Erleben; und mein Erleben ist untrennbar mit meinem Menschsein verbunden.
Nur wenn ich mich auf die Rolle des Konsumenten reduzieren lasse, werde ich abhängig von falsch eingesetzten grossen Worten und bilde mir ein, ich könne die Erfahrung kaufen.

Grosse Worte für Dinge sind irrefführend und dienen der Konsumförderung, denn von der Umsetzung der Idee bis zur Herstellung eines Produktes stehen immer Menschen.
Grosse Worte gehören im besten Sinne zu Menschen, welche die Bedeutung der Worte verkörpern und leben, oder wenigstens danach streben.

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Abstinenz

Eine Zeit der Abstinenz von grossen Worten würde nicht nur mir guttun. Nach all den Wahlplakaten, der Werbung und den Hochglanzergüssen bin ich misstrauisch und abweisend geworden. Das bekümmert mich.

Ich würde gerne einen Menschen als authentisch beschreiben, als integer und aufrichtig, der die essenzielle Bedeutung wahrer Werte für sich erkannt hat und sie mutig lebt.
Aber genau das hängt eben von mir selber ab: von meiner Fähigkeit des Staunens, des Ergriffenseins und über meine innere Verbundenheit als Teil der Natur und der Menschenfamilie.

Es wird Zeit, dass ich die Augen wieder öffne und mit weichem Blick um mich schaue, denn Frau Kamille und Herr Fenchelsamen stehen nicht rufend am Wegrand und sie machen mit nichts anderem auf sich aufmerksam als ihrem Sein.

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