Die Sache mit dem Weg und dem Ziel

Homo Mysticus

Die Sache mit dem Weg und dem Ziel

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November 05, 2019

Der Weg ist das Ziel

Im Jahr 1994, also vor 25 Jahren, machte ich mich zusammen mit meiner damaligen Partnerin Christine zu Fuss auf den Weg. Unser Ziel war Santiago de Compostela in Galizien, Spanien. Von Winterthur aus sind das grob geschätzt 2500 km.

Die Pilgerreise war Christines Idee. Aus der Idee wurden Planung und Vorbereitung: Arbeit und Wohnung kündigen, Haushalt zur Einlagerung vorbereiten, Ausrüstung anschaffen, Informationen einholen und einiges mehr.
Wir liessen uns zwei Wollcapes nähen und Pilgerstäbe drechseln. Die Ledergamaschen und Wamse stellte ich selbst her.
Und dann ging es los, Schritt für Schritt, Kilometer um Kilometer, Tag für Tag, Woche für Woche, Monat um Monat.
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Ist der Weg das Ziel?
Ja, der Weg ist das Ziel, aber ohne Ziel hätten wir uns nicht auf den Weg gemacht.
Wir erlebten stürmische Regentage, Übernachtungen auf hartem Boden, abweisende Menschen, körperliche Schwäche und Müdigkeit.
Wir überquerten die Pyrenäen im dichten Nebel und bei kaltem Nieselregen. Es war zu nass und zu kalt, um sich sitzend auszuruhen.

Weg war das Ziel

Es ist schwer, sich zu motivieren, wenn man kein Ziel mehr vor Augen hat, nicht mehr weiss, weshalb man etwas tut oder einfach keine Kraft mehr aus einem früheren Entschluss schöpfen kann.
Auf dem Pilgerweg habe ich immer wieder gestaunt, wie gross dadurch der Energieverlust sein kann, sei es auf körperlicher wie auch psychischer Ebene. (Beachte das Häufchen Elend in der unteren Bildmitte!)
Wenn ich den Grund nicht mehr spüre, das Ziel nicht mehr sehe, dann wird der Weg zum Ziel, sei es im Innehalten im Nebel, oder Schritt um Schritt.
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Krise
Ich erinnere mich an den Moment, als ich sofort in den nächsten Bus oder Zug gestiegen wäre um nachhause zu fahren. Aber der Nebel war zu dicht, um sich anders als am Pfad zu orientieren, eine Bahnlinie gab es nicht und eine Wohnung auch nicht mehr.
Ich blieb mit gesenktem Kopf auf meinen Pilgerstab gestützt stehen und wusste nicht mehr wie weiter. Da sah ich durch Tränen, unter meinem Arm hindurch, etwas schmales, dunkles am Wegrand liegen. Beim Nähertreten erkannte ich eine makellose, lange, braune Adlerfeder.
Es regnete noch immer und die nasse Kälte kroch in mich hinein, aber ich konnte wieder etwas in mir spüren, das mich an mein Ziel erinnerte. Die Adlerfeder als Symbol der Kraft des Königs der Lüfte gab mir neue Entschlossenheit. Wir wanderten noch lange durch den Nebel, bis wir in Roncesvalles ankamen. In der Pilgerherberge gab es weder warmes Wasser noch Wolldecken auf den Matratzen. Ich war bereit, bei nächster Gelegenheit nach Winterthur zurückzukehren.

Niemand geht den Weg für sich allein
Der nächste Tag begann in der Frühe mit der Pilgermesse. Mehrere Priester des Opus Dei, einer besonders konservativen Bewegung in der katholischen Kirche, zelebrierten die lateinische Messe für die anwesenden Pilger.
Ich war innerlich gereizt, verschlossen und voller Widerstand gegen diese Bewegung und doch war eine neugierige Ader in mir, die wissen wollte, wie eine derart traditionelle Messe abläuft.
Als wir Pilger am Ende die Segnung und Sendung für den vor uns liegenden langen Weg erhielten, wusste ich, dass es für mich kein Zurück mehr gab. Die Ernsthaftigkeit und Feierlichkeit der Priester berührten mich. Obwohl sie ein Gottesbild hatten, das in keiner Weise dem meinen entsprach und Werte vertraten, die ich nicht teilte, spürte ich den fliessenden, zielgerichteten Strom des Pilgerweges; niemand pilgert für sich allein. All die Menschen, die uns beherbergten und uns unterstützt hatten, taten dies, weil wir Pilgerinnen waren auf dem Camino de Santiago.

Ziel und Verantwortung
Ich glaube, ein Ziel ist immer auch eine Verantwortung, eine Antwort auf eine Absicht oder einen Entschluss, den man mehr oder weniger bewusst gefasst hat. Ohne Hinweg bleibt das Ziel eine Illusion. Der Weg als solcher würde ohne Ziel nicht gebahnt, denn Wege entstehen, weil sie immer wieder begangen werden.
Dies kann auch auf den Lebensweg übertragen werden. Wo will ich hin, was ist mein Ziel im Leben und wie erreiche ich es? Gehe ich einen Pfad, einen Weg oder eine asphaltierte Strasse? Nehme ich, wenn nötig, auch Mühsal auf mich, weil mir mein Ziel dies Wert ist, oder ziehe ich den Weg vor, auf welchem ich durch die Masse der Menschen mitgespült werde?

Wir sind in Santiago angekommen. Nach 120 Tagen. Ich stand vor der Jesusstatue der Mittelsäule des Eingangsportals und legte meine rechte Hand auf den steinernen Fuss, wie Abertausende Pilger und Pilgerinnen seit dem Mittelalter vor mir. Wie oft hatte ich mir diesen Moment während schwierigen Wegstrecken vorgestellt! Aber in diesem Moment war mein einziger Gedanke: „Ich habe es geschafft…“.

Ein Pfad im Weglosen
Die innere Entsprechung der Pilgerin auf dem schmalen Weg ist die Mystikerin, die einen Pfad im Weglosen wandert. Sie kennt ihr Ziel nicht, spürt aber seinen Ruf und den Drang aufzubrechen auf etwas Grösseres hin. Dieses Unsagbare wird zum Ziel und gleichzeitig ist der Weg das Ziel. Unterwegs zu sein, um anzukommen, wo wir schon immer unsere Heimat hatten.

Ich brauche nicht mehr an einen äusserlichen Ort zu pilgern. Das Leben ist die Reise an sich, die mich zum Ziel führt. Und ja, so gesehen ist der Weg das Ziel.
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„Unruhig ist unser Herz, bis es ruhet in Dir.“
Augustinus von Hippo

numidischer Kirchenlehrer, geboren am 13. November 354 in Tagaste

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