Meine fleckige Reise

Homo Mysticus

Meine fleckige Reise

1 Kommentar

Dezember 05, 2019

Der falsche Platz

Heute reiste ich im Zug von Zürich nach Bern. Wie immer, suchte ich mir einen Platz, an dem ich hoffentlich nicht von Musikliebhabern mit schlechten Kopfhörern, schmatzenden Käuern oder laut telefonierenden Mitreisenden gestört würde.

Auf der Hinfahrt war ich Zeugin einer geschäftlichen Videokonferenz geworden, deren Indiskretion ich mich nur dank sehr guter Kopfhörer und entspannender Musik entziehen konnte.
Ich gebe es zu, ich bin empfindlich. Um meine innere Fassung ist es dann schnell einmal geschehen.

Ich fand also einen Platz, der mir gut gewählt schien. Aber kaum hatte ich mich installiert und wandte ich meinen Blick aus dem Fenster und sah einen grossen schwarzen Flecken an der Scheibe.

Ich hatte den falschen Platz gewählt! Wer sieht denn die Welt schon gerne mit einem schwarzen Flecken im Blickfeld?

Faszination

Mein erster Impuls bestand darin, den Platz zu wechseln. Der Zug rollte an und kam in Fahrt, der schwarze Fleck bewegte sich unbeweglich mit, starr in meinem Blickfeld, während ein Ausschnitt der Welt an mir vorüberzog.

Ich wurde nachdenklich und vertiefte mich in die Betrachtung des Fleckes. Wieviele Flecken habe ich wohl an den Fenstern meiner inneren Wahrnehmung, die sich mit mir durch das Leben bewegen, die jede Betrachtung, alle Gedanken und Erlebnisse prägen? Falls ich keinen Vergleich mit einer sauberen Scheibe habe, muss ich wohl annehmen, die Realität sehe eben so aus: wie mit einem Flecken. Der Hintergrund der vorbeigleitenden Gegend ist dauernd im Wandel begriffen, aber der Fleck bleibt.

Spiel mit dem Fokus

Wenn ich den Fokus auf die Landschaft richtete, wurde der Fleck durch die Unschärfe beinahe unsichtbar. Sobald ich den Fokus wieder auf die Scheibe legte, wurde der Fleck und mein eigenes Spiegelbild wieder deutlich erkennbar.

Ist es, im übertragenen Sinne, im Leben nicht ebenso? Wenn ich immer nur nach Aussen schaue, nehme ich weder mich selber noch meine einschränkenden „befleckten“ Sichtweisen war.

Nur den Fleck zu sehen und nicht auch daneben vorbeischauen zu können ist ebenso einschränkend und entspricht nicht unserer Wahrheit.

Spiegelung

Ein Fleck auf der Scheibe meiner Wahrnehmung kann auch wie ein Spiegel verstanden werden. Was spiegle ich mir selbst, und was projiziere ich damit auf Andere? Vielleicht spiegle ich etwas, für dessen Erkennen ich zuwenig Präsenz, Liebe, Weisheit oder Mut habe.

Bin ich alleine, werde ich den Fleck auf die Umwelt projizieren, aber ohne andere Menschen kann die Umwelt zu neutral sein, um mir genaue und verantwortungsbewusste Reflexionen zurückzugeben, an denen ich wachsen kann.

Ich erinnere mich an die strengen Jahre der Arbeit im Krankenhaus. Das Personal stand meist unter Zeitdruck und einer grossen Arbeitsbelastung. Aus dem empfundenen Stress wurde es zur Gewohnheit, sich gestresst zu bewegen, gehetzter zu gehen, schneller zu sprechen und hektischer zu Arbeiten.

Kollektiver Fleck

Den Stress auf diese Art sichtbar und spürbar zu machen wurde zu einem Statement mit der Botschaft: Ich arbeite schnell, ich leiste viel,  ich muss mir nichts vorwerfen lassen, ich gebe mein Bestes, ich bin nicht weniger gut als du, die auch gestresst ist. Ich stresse, also bin ich! Wer nicht gestresst wirkte, wurde verdächtigt, vielleicht nicht genug zu tun zu haben oder sich nicht voll einzusetzen. Das ist ein ansteckendes Gebaren, das einen klaren Blick vehindert. Wir konnten nicht mehr wahrnehmen, wann eine Stresssituation vorbei war. Obwohl sich unsere Situation änderte, wie die Gegend, durch die mein Zug fuhr, blieb unser Blick am Fleck, am vermeintlich nicht enden wollenden Stress hängen.

So entstand auf unserer kollektiven Scheibe, also unserer Wahrnehmung, ein Fleck, den niemand als solchen erkannte. Unsere Wahrnehmung wurde verfälscht.

Abstand und Entzug

Ich wurde mir der ganzen Dynamik erst bewusst, als ich eine ruhigere Arbeitsstelle antrat. Anfänglich litt ich unter Stressentzug, aber ich brauchte eine Weile, bis ich das begriff. Erst dann erkannte ich die falsche Wahrnehmung, den schwarzen Fleck am Fenster.

Während meiner Reise entschied ich mich, den Platz nicht zu wechseln und mich den vielschichtigen Betrachtungen des Flecks hinzugeben. Es hatte sich gelohnt. Ich hätte einfach das Abteil wechseln und mich an einer sauberen Scheibe und einem klaren Ausblick erfreuen können. Ich stieg mit einem Lächeln in Bern aus dem Zug und kam mir sehr klug vor.

Von der Theorie zur Praxis

Kaum in der Unterführung angekommen, schlug mir die Masse der eiligen und gehetzten Menschen entgegen, die es aus der Stadt hinaus zog. Ich schwimme lieber in Gedanken gegen den Strom, als im Bahnhof gegen die Masse. Es verschlug mir beinahe den Atem ob all der Menschen und ich empfand die Situatuion als bedrohlich und feindlich.

Weg war die Einsicht über Wahrnehmung und Spiegelung, Erkenntnis und Verbundenheit im Menschsein. Mein Schritt wurde hektisch, meine Gebaren abweisend und mein Fokus eng und hart. Mit zu Boden gesenktem Blick pflügte ich mich durch die Menschenmasse, als wäre ich von Gegnern umgeben.

Da fiel mein Blick auf einen schwarzen Fleck am Boden und ein Gefühl in mir begann zu lachen, zu lachen über mich selbst. Auf meinem Gesicht breitete sich ein Lächeln aus, mein Schritt verlangsamte sich und ich schaute auf. Mein Blick begegnete einer Frau, die mich ebenfalls anlächelte. 

Begegnungen

Es war wie eine kurze Begegnung, ein flüchtiges Erkennen und ein subtiles Ja. Es gab ein paar weitere Blickkontakte mit anderen Menschen und ich ging entspannt weiter.

Ist es nicht wie ein Wunder, dass es oft die schmutzigen Flecken sind, die uns die Augen für das Wesentliche öffnen und über die scheinbaren Fehler hinaus den Blick auf den Horizont weiten, der neue Wahrnehmungen erst möglich macht?

Manchmal reicht es schon aus, sich zu fragen: Ist das wirklich so?


Verweis auf tiefere Ebenen

….. beobachten bedeutet beobachten, ohne die Einmischung des eigenen Hintergrunds, denn man ist der Hintergrund – das ganze Wesen, das beobachtet, ist der eigene Hintergrund – als Christ, als Franzose oder als Intellektueller. Wenn man diesen Hintergrund beobachtet, entdeckt man ihn und beobachtet ihn ohne jede Wahl, ohne jede Neigung; das ist eine gewaltige Disziplin, – nicht die absurde Disziplin der Konformität, der Nachahmung. Eine solche Beobachtung macht den Geist außerordentlich aktiv, außerordentlich sensibel – und dieses Ganze ist Meditation. Nicht ‚um zu beobachten musst du meditieren‘. Es ist eher die Beobachtung, dass all diese Dinge stattfinden; all das ist Meditation; nicht nur eine Art Kontrolle des Denkens…. *

Krishnamurti
Erster öffentlicher Vortrag am 16. April 1967 in Paris
* von Regula übersetzt aus dem Englischen

1 Kommentar

  1. Renner esther

    Danke für Deine Übersetzung.
    Dankeschön für die Gedanken-Teilung.

    Liebe Grüsse Esther

    Antworten

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