Pflicht und Pflege

Homo Mysticus

Pflicht und Pflege

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November 10, 2019

Warum sich für mich das Eine nicht vom Anderen trennen lässt

Als ich mit meinem Blog begann, dachte ich eigentlich geistreiche Kommentare und weise Gedanken zu kultivieren und dabei vielleicht ein paar Zeugen, bzw. Leser zu haben, die sich inspirieren lassen könnten. Was diesbezüglich seither in meinem Kopf ablief, waren aber eher weitgestreute Selbstgespräche, alltägliche Beobachtungen mit mehr oder weniger tiefgehenden Gedanken und ich empfand das nagende Gefühl, wieder einmal etwas begonnen und nicht zu Ende gebracht zu haben.

Alltag
Da ich zum Leben auf eine bezahlte Arbeit angewiesen bin, keine Haushälterin und keinen Chauffeur habe, niemand hinter mir her aufräumt oder mir wiederkehrende und zum Teil lästige Entscheidungen abnimmt, kommt es meist vor, dass mir die kreativsten Gedanken abends kommen, wenn ich im Bett liege, und eigentlich einschlafen sollte. Es verwundert mich daher nicht, dass ich oft lange wach liege und hin und her gerissen bin zwischen der Faszination des Denkens und der Sorge um die zu kurze Schlafdauer mit ihren unangenehmen und ungesunden Konsequenzen.

Freie Tage
Und dann hoffe ich auf die freien Tage mit den scheinbar vielen Stunden der Kreativität und Zeit des Schreibens. An diesen Tagen gönne ich mir die empfohlenen acht Stunden nächtlichen Schlafes und stehe nicht um fünf Uhr früh auf wie im Arbeitsalltag.
Es ist eine entspannende und zugleich beglückende Erfahrung, natürlich aufzuwachen und mit geschlossenen Augen zu beobachten, wie sich Gefühle und Gedanken dem Schlafen entwinden und träge ins Tagesbewusstsein torkeln. Ich empfinde es als ein Privileg, so aufwachen zu dürfen, mit zerknittertem Gesicht und zerzausten Haaren aufzustehen und in ebendiesem Zustand bei einer Tasse Kaffee dem Tag entgegenzublinzeln.
Während meine Sinne sich mehr und mehr dem Tage öffnen, fühle ich in der Küche die Krümel unter meinen nackten Füssen, rieche meinen abgestandenen Schlafdunst, klemmt die Türe, hinter welcher sich das Altpapier stapelt, nehme ich den Gärgeruch des fermentierenden Kombuchas, des Wasserkefirs und des Ingwerbiers wahr. Nichts davon lässt mich unberührt, genauso wenig wie der volle Wäschekorb und der Stapel Rechnung, die noch bezahlt werden sollten.

Pflichtgefühl
Noch bevor ich richtig ans Schreiben denken kann, ist mein Pflichtgefühl entfaltet. Erziehung, Prägung, eigene und/oder fremde Wertvorstellungen folgen: «Zuerst die Arbeit, dann das Vergnügen»!
Die Arbeit der Körperpflege, des Haushaltes, des gewissenhaften Recycelns und natürlich die Bezahlung der Rechnungen zuerst, und erst danach kommt das Vergnügen des Schreibens!

Also packe ich die mir (selbst) auferlegten Pflichten an und mache gute Mine zum nicht ganz freiwilligen Spiel: ich hetze nicht und erlaube mir Pausen, um mir das Gefühl zu geben, die Freiheit zu haben, wie ich meine Pflichten erledige.

Erledigt
Wenn ich dann endlich geduscht (mich), geputzt (Wohnung), bezahlt (Rechnungen), geerntet (Kombucha, Wasserkefir und Ingwerbier) und entsorgt (Papier, Glas, Plastik, PET, Blech, Textilien) habe, empfinde ich das Schreiben eines Beitrags für meinen Blog nicht mehr als Vergnügen, sondern als Pflicht, denn ich bin müde und habe eine Pause verdient. Seltsamerweise nähert sich der Abend schneller als erwartet; es wird Zeit zu kochen, zu essen und die Küche aufzuräumen. Pflicht getan, Feierabend, da wird nicht mehr geschrieben, denn ich war heute schon fleissig. Ein Pflichttag neigt sich seinem Ende zu und gute Nacht, ohne Blogbeitrag.

Pflege
Wieder erwache ich an einem freien Tag und geniesse nach dem Aufwachen dieselben kleinen, unspektakulären Dinge. Diesmal aber ohne Krümel unter den Füssen, ohne Altpapier hinter der Küchentüre, meine Fermentier-Station frisch angelegt und leise blubbernd, die Rechnungen bezahlt und der Kühlschrank aufgefüllt.
Was für ein schönes Gefühl! Was ich gestern als Pflicht erlebte, empfinde ich heute als Pflege, im Sinne von Wohltat, von Linderung, von etwas, das Freiraum schafft. Im Rückblick von der Putzfrau zur Raumpflegerin in 24 Stunden!

Auf, auf!
Jetzt aber auf zum Schreiben! Leider ich habe mich gestern nicht wirklich gesund bewegt und es wäre wohl gescheiter, wenn ich zuerst einen Spaziergang machte, um mich von der Natur inspirieren zu lassen. So quasi die Plicht vor der Kür, wo dann die Kreativität so richtig fliessen kann. Also Fährenbeizli an der Aare und zurück … und der Morgen ist schon vorbei. Das war etwas anstrengend und nach dem Mittagessen überkommt mich ein unbändiges Bedürfnis zu lesen und etwas zu faulenzen. Was für ein Luxus, dass ich das einfach so kann, denn ich habe meine Pflichten erledigt. So wird das Schreiben ein weiteres Mal in die Kategorie «Pflichten» geschoben und durch Lektüre und Ruhe ersetzt und doch weiss ich genau, dass mir das Schreiben guttun würde.
Schreiben ist wie Pflege für den Geist, Ordnung für Ideen und Ausdruck der inneren Kreativität von Denken und Fühlen zusammen. Je länger ich diesen Ausdruck vor mir herschiebe, um so mehr empfinde ich ihn wie eine Pflicht anstatt wie Pflege.

Ziel und Entscheidung
Vor einigen Jahren notierte ich mir aus dem «Magazin» folgenden Satz von Adolf Muschg: «Jeder Schritt auf ein Ziel hin ist auch ein Abschied von einer anderen Richtung, die ein ganz anderes Ziel versprach, und dieses wird durch unsere Bewegung nicht entwertet. […]. Was sie zu überholen glauben, holt sie immer wieder ein.»
Als Gedankenexperiment im kleinen persönlichen Rahmen überlege ich, dass ich im Ziel der Pflichterfüllung das andere Ziel, die Kreativität, verlasse. Wähle ich aber die Kreativität als Ziel, verliere ich den Ansporn zur Pflicht. Im Extrem heisst das, ich verbringe mein Leben pflichtbewusst; arbeitend, sauber, ordentlich, aufgeräumt, ohne Mahnungen, politisch korrekt und umweltbewusst, oder kreativ, schreibend, in einer unordentlichen schmuddeligen Wohnung, zwischen Altpapier, Mahnungen und schäumenden oder gar explodierenden Wasserkefirflaschen.

 Träume
Mit vierzehn träumte ich davon, eine berühmte Schriftstellerin zu werden. Ich habe kein Talent konsequent zu sein. Ich pendle scheinbar ziellos zwischen Pflichterfüllung und Kreativität hin und her, wobei die Pflicht dominierender ist, was wohl zum Teil der elterlichen und gesellschaftlichen Prägung zuzuordnen ist, aber auch der Erfahrung, dass Erledigtes zu einem guten Gefühl beiträgt und Freiraum schafft für Anderes, wie Schreiben oder Faulenzen.

Balance und Akzeptanz
Pflichten und Pflichterfüllung werden mich immer wieder einholen, wenn ich sie im kreativen Prozess überholen und hinter mir lassen will, um auf höhere Ziele zuzusteuern. Spätestens dann, wenn die Krümel auf dem Fussboden mit Ingwerbier-Gischt verklebt sind, der Kühlschrank lebendig wird und Staubschafe durch die Wohnung rollen. Soweit ist es noch fast nie gekommen. Es wurde aber auch keine berühmte Schriftstellerin aus mir und ich veröffentliche meine Blogbeiträge nicht im 24-Stunden-Takt.

Ich tanze oder stampfe zwischen Pflicht und Pflege; Schreiben gehört zu beidem und ist mal das Eine oder das Andere. Putzen, Haushalten und Arbeiten übrigens auch.

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