Tugend und Toilettenpapier

Homo Mysticus

Tugend und Toilettenpapier

1 Kommentar

März 18, 2020

Hamsterkäufe in Zeiten der Krise

Obwohl ich selber auch einkaufen gehe, habe ich bis jetzt nirgends leere Regale gesehen. In den meisten Nachrichten sei es im TV oder anderen Medien, werden aber genau solche Bilder gezeigt. Immer wieder wird erwähnt, dass die Menschen unter anderem Toilettenpapier hamstern. Gleichzeitig wird darauf hingewiesen, dass man Hamsterkäufe bitte unterlassen solle.
Und was tue ich? Ich überlege, ob ich nicht doch nochmals mit einem grossen Einkaufswagen vorfahren sollte.

Blaue Elefanten

Das erinnert mich an eine Situation, als ich in jungen Jahren erstmals an einem einwöchigen Schweige-Meditationskurs teilnahm. Bevor der Kurs offiziell begann, machte ich Bekanntschaft mit einigen Teilnehmern, die meist schon meditationserfahren waren, was auf mich nicht wirklich zutraf, denn ich hatte erst wenige Monate zuvor zu meditieren begonnen.
Ein sympathischer Mann warnte vor folgender Falle: „Wenn dir jemand sagt, du sollest während der Meditation nicht an blaue Elefanten denken, wirst du genau das tun.“ Wir lachten alle und wurden lockerer.

Später lachte ich nicht mehr, denn während den ersten Tagen war ich stundenlang den blauen Elefanten in meinem Kopf ausgeliefert und fand in meinem Geist immer wieder nur blaue Elefanten vor, anstatt in meiner inneren Mitte anzukommen.

Zaid Ali, Pixabay

Der Effekt der leeren Regale und des fehlenden Toilettenpapiers hatte eine ähnliche Wirkung. Meine erste Reaktion entsprach der Geschichte mit den blauen Elefanten: was mir zuvor nicht in den Sinn kam, wurde plötzlich zur Frage, ob meine Zurückhaltung beim Einkauf nicht etwa eine Tugend, sondern einfach naiv sei. Vielleicht hatten alle anderen begriffen, dass man hemmungslos zugreifen sollte?

Spirituelle Arroganz

Diese Frage habe ich mir tatsächlich gestellt. Es geht hier aber auch um die Tugend des Masshaltens. Ich spazierte also heroisch am Regal des Toilettenpapiers vorbei. Im Schattenbereich zwischen Bewusstsein und Unterbewusstsein bildete ich mir ein, halt etwas reifer zu sein als die Hamsterbürger. Wobei ich erwähnen möchte, dass ich dies erst erkannte, als ich mich abends zentrierte, um den göttlichen Ankerpunkt in mir zu festigen. Soviel zur spirituellen Arroganz.

Während der Kontemplation des Themas Hamsterkäufe und Toilettenpapier habe ich aber auch noch andere Einsichten gemacht.
Hamstern hat mit Angst zu tun. Der Impuls zu Hamstern kommt aus dem ersten Chakra. Hamstern ist menschlich.

Herz als Resonanzkörper

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass der Inhalt, der in meinem Bewusstsein vorherrschend ist, unweigerlich den Weg über Gefühle und Emotionen in mein Herz hinein nimmt. Mein Herz ist wie ein Resonanzkörper, der die Schwingung und Gefühle die er aufnimmt, verstärkt.

Existentielle Angst entspringt dem ersten Chakra, das für Grundbedürfnisse steht: Überleben, Nahrung und Schutz. Wenn die Erfüllung dieser Bedürfnisse tatsächlich oder eingebildet nicht mehr gewährleistet ist, löst das Angst aus. Und wer Angst hat, wird von den dazugehörigen Emotionen überflutet. Die Überflutung findet zuerst im Herzen statt und geht dann weiter auf die mentale Ebene. Die erste Wirkung zeigt ist meist in chaotischer Form.

Nehmen wir die Bedürfnisse des Wurzelchakras am Beispiel Esswaren und Toilettenpapier:

Der Weg der Angst


Foto von Emiliano Arano von Pexels
  • Pandemie: weltweite Ausbreitung und drohender Zusammenbruch des globalen Marktes
    • Angst: wir sind von einem globalen Zusammenbruch bedroht und es wird uns bald an allem mangeln
  • Drohender Mangel
    • Ich muss den Mangel solange wie möglich verhindern und mich mit allem Nötigen eindecken.
      – Nahrungsmittel und offensichtlich auch Toilettenpapier
  • Gefährdetes Überleben: ich kann nur überleben, wenn ich für mich selbst sorge.
    • Ich nehme, soviel ich bezahlen und tragen kann

Alle Szenarien sind von Angst geprägt, die unser Herz überflutet und sich so verstärkt, dass auch die mentale Ebene in einen chaotischen Zustand gerät. Das alles ist menschlich und diese Welle kann in kürzester Zeit durch alle Herzen und Köpfe gehen.

Was wird sich bewähren?

Wir hatten lange Zeit, uns selbst zu ergründen und zu entdecken, herauszufinden wie wir ticken und wer wir sind. Jetzt wird sich zeigen, was davon Bestand hat.

Menschliches Verhalten wird nicht von Bedingungen diktiert, die der Mensch antrifft, sondern von Entscheidungen, die er selber trifft.

Viktor E. Frankl, 1905 bis 1997, von 1942 – 45 im KZ. Psychiater und Psychologe, Begründer der Logotherapie

Es wird sich zeigen, ob es mir genügt, in der globalen Krise Toilettenpapier zur Verfügung zu haben und Vorräte zu horten, während Familienangehörige, Freunde oder Nachbarn an wahrem Mangel leiden.
Viktor Frankl sagte sinngemäss, wir könnten oftmals die Umstände in unserem Leben nicht ändern, aber wir hätten die Wahl, wie wir uns in bestimmten Situationen verhalten wollten.

Warum wir uns entscheiden können

Um genau das anzugehen, zu entscheiden, wer wir in dieser Krise sein wollen und was unsere Einstellung ist, braucht es nicht nur Herz oder nur Kopf, sondern beides. Es geht schon lange nicht mehr um entweder-oder sondern um sowohl-als auch.

Unser menschliches Sein hat mindestens sieben Chakren. Jedes dieser Energiezentren schwingt mit bestimmten Frequenzen, deren Ausprägung ausgeglichen oder einseitig sein kann. Einseitigkeit in Form von Zuviel oder Zuwenig verzerrt unsere Wahrnehmung und damit auch unser Erleben.
Psychologisch ausgedrückt, hat jedes Energiezentrum seine Schattenseite und seine Lichtseite. Mitte und Balance finden können wir nur, wenn wir die jeweiligen Themen erkennen und uns bewusst sind, dass wir immer Entscheidungen treffen, egal, wonach wir handeln.
Ich erlebe die Auswirkungen meiner Entscheidungen meist zuerst im Herzen, durch Gefühle und Emotionen. Mein Denken und Nachdenken entfalten sich erst danach.
Es gibt Menschen, die nehmen zuerst ihr Denken und danach ihre Gefühle und Emotionen wahr. Diese Variationen sind sinnvoll und kommen in ihrer besten Form zum Ausdruck, wenn die unterschiedlichen Charakterprägungen zusammenarbeiten.

Eine erfolgreiche Zusammenarbeit bringt uns sowohl im Aussen wie auch im Inneren mehr in Balance. So auch in dieser Krise. Wir sind nicht auf das Toilettenpapier, sondern aufeinander angewiesen. Klar, Toilettenpapier ist „nice to have“, aber mit aller Anerkennung der Bedürfnisse unseres Wurzelchakras: es ist nicht relevant.

Aber seien wir auch gnädig und erkennen: es ist menschlich, in Ausnahmesituationen paradox zu reagieren. So wie eine Kollegin, die mit gebrochenem Becken auf der Skipiste lag und sagte: „Shit, meine teure Sonnenbrille ist kaputt!“

Kein Luxus

Selbstreflexion und Selbsterkenntnis sind weiterhin gefragt und sind kein psychologischer oder spiritueller Luxus à la „nice to have“.

Wer sich damit schon seit Jahren beschäftigt und Erfahrungen gesammelt hat, kann sich entweder etwas darauf einbilden, oder er stellt sich demütig in den Dienst des Menschseins und öffnet seine innere Speisekammer an gereiften Einsichten, deren Inhalt nährt und zusammenbringt.

Ich kann über mich selbst hinauswachsen, wenn ich klar entscheide, was ich in mein Herz hineinlassen und der Resonanzverstärkung übergeben möchte.
Wir können viel von Menschen lernen, die in den grossen Katastrophen der Vergangenheit ihre innere Speisekammer der Erkenntnis geöffnet haben und uns bis heute daraus nähren. Wir können sie zur Selbstreflexion nutzen und uns daran stärken und ermutigen.

In Wirklichkeit ist der Mensch nicht ein von Triebhaftem Getriebener, sondern er wird von Werthaftem gezogen…
Die Dynamik des Geistigen wird nicht von Triebhaftigkeit, sondern von Wertstrebigkeit fundiert.

Viktor E. Frankl

Wann immer es euch möglich ist, seid mutig und weise.
Bis zum nächsten Beitrag!

1 Kommentar

  1. Rita matt

    Liebe Regula, habe soeben deinen neusten Beitrag gelesen. Toll, vielen Dank. Ich hatte es genauso mit dem Toilettenpapier. Adi hat dann an einem späteren Tag ein Pack gebracht und wir haben s notiert, wann wir eine neue Rolle aufhängten und voila: 1 Rolle reicht für ca 6 Tage. Logik sei Danke. Und Dir Danke für deine Einsichten, alles liebe ri

    Antworten

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